Der internationale Deppenindikator

…das infantile Lachtränensmiley prangt auf Facebook momentan wieder unter unzähligen Artikeln über Afghanistan. Es geht hier nicht um die Berichte über Taliban, die einen Freizeit-Park in Kabul geentert haben und sich dort auf dem Pferdchenkarussell oder im Autoscooter vergnügen. Geschenkt, solche Szenen werden wohl ziemlich viele von uns, die wir nicht direkt betroffen sind, zum schmunzeln bringen.

Doch wenn es darum geht, dass in Fahrwerkschächten eines Evakuierungsflugzeugs menschliche Überreste gefunden wurden, darüber berichtet wird, dass Flüchtende Afghan:innen nicht zum Flughafen durchgelassen werden, dann muss man sich schon fragen, was bei diesen Menschen schiefläuft und/oder irgendwann mal schiefgelaufen ist. 200 Jahre Aufklärung, 200 Jahre Herder, Kant und Voltaire* scheinen diese Experten noch nicht einmal gestreift zu haben. Entsprechend lesen sich dann auch viele Kommentare – ja, ich habe den Fehler gemacht, mir tatsächlich einige Kommentare zu lesen und habe mich triggern lassen.

Inzwischen ist wohl klar, dass es sich bei den Überresten um Zaki Anwari handelt. Einen 19-jährigen Fußballspieler der afghanischen Jugend-Nationalmannschaft. Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass er sich an das Fahrwerk ein startendes Flugzeugs handelt? Ob es sich bei Anwari tatsächlich um jenen Menschen handelt, den man auf diversen Fotos abstürzen sieht, weiß ich nicht genau. Dazu existieren unteschiedliche Pressemeldungen. Ich habe mich dazu entschlossen, den Teil des Bildes, auf dem man einen Menschen von der Maschine wegstürzen sieht, abzuschneiden. Ich denke man sich denken, wie so etwas ausschaut und einige haben vielleicht noch das betreffende Bild von 911 vor Augen, was vollends genügen dürfte. Zudem mag ich keinen Katastrophenporno. Dafür ist das Boulevard zuständig.

Zaki Anwari, hoffnungsvolles Talent der afghanischen Jugend-Nationalmannschaft, starb als er sich an das Fahrwerk einer startenden Transportmaschine der US-Airforce klammerte.

Doch wie fernab jeglicher Zivilisiertheit, sind die wohlstandsverwahrlosten Tastentaliban, die unter Zeitungsartikeln mit besagtem internationalen Deppenindikator reagieren?

Auf Facebook lässt sich jedoch hervorragend beobachten, welche Leserschaft die jeweiligen Zeitungen anziehen. Bei Tagesspiegel, taz, FR, SZ und einigen anderen fanden sich – soweit ich das feststellen konnte – keine bis wenige dieser infantilen Lachtränensmileys. Beim Handelsblatt waren es ein paar und bei Bild und Focus, steigt diese Zahl sprunghaft an. Beim unten stehenden Screenshot, der etwa vier Stunden alt ist, beträgt der Anteil derer, die so etwas urlustig finden 15,9%. Da kann man sich schon fragen, was bei diesen Menschen während der Sozialisation schiefgelaufen ist.

Eine ganz normale Reaktion der FB-Leserschaft der Bildzeitung, wenn es um verstorbene Flüchtlinge geht.

Auf direkte Menschenverachtung, braucht man da selbstverständlich nicht einmal zu antworten, es ist sowieso sinnlos. Doch wie schnell ein Anteil derer, die Anfang Juni noch Bundestrainer und schon kurz darauf wieder Virologen und Epidemiologen waren, auf einmal Diplom-Ethnologen sind, das erstaunt dann doch.

Ich bin bestimmt weit davon entfernt, ein Afghanistankenner zu sein, aber ein paar Eckdaten, ein Grundwissen über die Geschichte Afghanistans – wenigstens seit 2001 – und die Gesellschaftsstrukturen dort, das sollte man schon mitbringen. Zeit genug dafür hatte man. Dann würden sich viele vielleicht ihre Kommentare sparen oder wenigstens anders formulieren – zumindest die, an denen die Aufklärung nicht ganz spurlos vorbeigegangen ist. Doch wichtiger als die Frage, warum es DIE Afghanen nicht gibt – und damit meine ich nicht das Individuum – ist anscheinend, warum die schon wieder alle neue Handys und Markenklamotten bekommen. Die Antwort ist übrigens ganz einfach: das bezahlen nicht alle Deutschen mit ihren Steuergeldern, sondern nur die, die sich in den Kommentarspalten über solche Dinge aufregen – das Finanzamt schaut da ganz genau hin und faxt die Liste dann an Frau Merkel persönlich.

Wenn man Berichte von heute liest, dann finden sich auch Meldungen, dass in Afghanistan die Menschen auf die Straße gehen, um gegen die Taliban zu demonstrieren. Sie begeben sich dabei in Lebensgefahr. Das dürfen sich die Quer“denker“ gerne mal anschauen, wenn sie sich – wieder einmal- ganz schrecklich von der Merkel Diktatur-GmbH e.V. unterdrückt fühlen.

Frauen demonstrieren in Kabul gegen die Taliban

Apropos Quer“denker“: einzelne Strategen waren in Telegramgruppen ganz happy, dass die Taliban (angeblich) mit als erste Aktion ein Impfverbot verhängt haben. „Ach, ich dachte das sind die Bösen“!, lautete bspw. eine Äusserung. Eigentlich darf man es gar nicht kommentieren, sonst droht sich der Magen nach oben zu stülpen und das Gehirn zu erwürgen.

Das passiert auch fast immer, wenn ich die Äusserungen von Politiker:innen der AfD zur aktuellen Situation lese. Stephan „Zugklo“ Brandner, Sven Tritschler und Gunnar Norbert Lindemann taten sich dabei als nicht überraschende, aber zuverlässig verkommene Widerlinge hervor. Ich zitiere sie an dieser Stelle nicht und setze auch keine Links. Wer es wissen möchte, der/dem ist es bestimmt bereits in die Timeline gegöbelt worden und der Rest kann ja danach googeln. Ich glaube, dass man bei der AfD irgendwie traurig ist, dass es sich bei den Taliban und dem IS ausgerechnet um radikale Muslime handelt, liegt man doch, was das Frauenbild, die Verachtung für Demokratie und Bewunderung für klare Befehlsstrukturen und -hierarchien angeht, ideologisch auf einer Wellenlänge. Die Islamisten sind also ganz töfte (in ihren Ländern), wenn nur dieser blöde Islam nicht wäre.

Doch nicht nur die braune Fraktion und die anderen Menschenfeinde rund um den Verdachtsfall bringen mir den Puls hoch. Momentan bekomme ich tatsächlich Schnappatmung, wenn ich Heiko Maas, Armin Laschet und Co. in die Mikrophone salbadern höre. Laschet fischt am rechten Rand und versucht dort Stimmen abzugreifen, indem er sagt, dass sich 2015 nicht wiederholen dürfe. Dazu möchte er vor Ort helfen. Das ist ebenso löblich wie verlogen, weil ein bisschen zu spät. Bei seinem heutigen Wahlkampfauftritt in Osnabrück sagte Laschet:

„Ich werde als Bundeskanzler eine Garantie abgeben, dass jeder, der sich auf diesen Namenslisten befindet, der sich für Deutschland engagiert hat, in Deutschland Aufnahme findet.“

Da kann man nur noch mit dem Kopf schütteln. Was für ein mieses und perfides Arschloch Armin Laschet doch ist. Das ist keine Beleidigung, sondern eine nüchterne und objektive Einordnung der momentanen Sachlage. Er allein hat es in der Hand, das zu ändern. Ich frage mich trotzdem, ob er überhaupt zugehört hat, wenn die jeweiligen Updates zur aktuellen Lage an sein Ohr drangen und ob seine cerebrale Schaltzentrale diese Informationen logisch und realitätsbezogen einordnen konnte.

Am 16.08., vor zwei Tagen, interviewte Mariette Slomka einen ehemaligen(?) Hauptmann der Bundeswehr, Markus Grotian, der das Patenschaftswerk afghanische Ortskräfte gegründet hat. Im Interview ging es um das – man kann es nicht anders bezeichnen – Totalversagen oder Totalverweigerung der Bundesregierung in Bezug auf Asyl für die Ortskräfte. Der Mann schwankte zwischen Tränen und Mir-platzt-gleich-der-Arsch ob der Tatenlosigkeit der Regierung. Man hat wohl noch nicht einmal dabei unterstützt, dass die Helfer:innen zumindest von Mazar-e Sharif usw. nach Kabul kommen. Die Menschen sind in weiten Teilen dort geblieben wo sie sind, wenn sie noch sind und nicht schon lange von den Taliban grausam hingerichtet wurden. In Kabul selbst in an Hilfe inzwischen auch nicht mehr zu denken. Zum Flughafen kommen nur noch Ausländer. Es mag den ein oder anderen Talib, der sich mit einem Bündel Dollar oder Euro umstimmen lassen wird, aber der Großteil der Ortskräfte wurde einfach dem sicheren Tod überlassen. Man gibt einen Fuck auf das Leben dieser Menschen. Im Übrigen gelten die Ausreiseanträge nur und ausschließlich für die Helfer:innen, die direkt für BW usw. gearbeitet haben. Alle die, die bei einem Subunternehmen angestellt waren, sind von dieser Regelung ausgeschlossen. Daher sollten sich Maas, Laschet, Karrenbauer etc. schämen, wenn sie vor die Kameras treten und ihre verlogenen Statements in den Äther kübeln. Dann besser gar nichts sagen, das ist ehrlicher.

Heute vor vier Wochen, auf den Tag genau, hat die US-Armee übrigens 700 ihrer Dolmetscher und 1.800 Familienangehörige, nach Fort Lee, Virginia ausgeflogen. Da hat man im Auswärtigen Amt wahrscheinlich noch die Druckvorlage für die Anträge der Antragsformulare gesucht.

Es ist schlichtweg frustrierend und schmerzhaft und man ist im Grunde auch nur jemand, der zuhause im mollig Warmen vor dem Computer sitzt und den Kopf aufreisst. Ein trauriger und erbärmlicher Tastensoldat.

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