Lesetipp: Bullshit Coaching

ein Lesetipp für alle, die NLP- und Happy-Coachings mindestens skeptisch gegenüber stehen.

Ein alter Bekannter aus Jugendtagen ist auf diesen NLP-Zug aufgesprungen und bietet Coaching für Coaches an. Bald mindestens drölfstellig per Mond verdienen, mindestens. Dieser Bekannte wurde früher in der Schule oft gemobbt und konnte sich nie richtig wehren. Trotzdem blieb er stets freundlich und ein lieber Kerl, der einem – so weiß ich es zumindest – nichts Böses kann. Daher kann ich es immer noch nicht glauben, dass er bei solch einer Abzockmasche mitmacht. Er glaubt wohl tatsächlich daran und, eine Sache die – bei aller Kritik und Vorbehalten, die ich gegenüber diesem ganzen Ding habe – hat es ihm anscheinend geholfen, mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln und Rückschläge besser zu verarbeiten. Doch um ihn soll es hier gar nicht gehen.

Allerdings um einige Leute, die seine Postings kommentieren und in deren Liebe, überambitioniert-positiver Selbstdarstellung stets eine latente Aggressivität mitschwingt. Auch haben Sie oftmals überflüssige Ratschläge zuhauf. Einmal hatte sich besagter Bekannter einen Nerv eingeklemmt und fragte auf Facebook, was in solchen Fällen zu tun sei, besser Dehnübungen machen oder die schmerzende Stelle wärmen. Es hat vor gegensätzlichen Aussagen und esoterischer Beratung nur so gewimmelt. Bis hin zur Aussage, er solle sich fragen, ob es der Nerv wäre, der eingeklemmt sei oder er selbst. Eine andere Stimme meinte, dass Schmerz zum Leben gehört und man daraus lernen würde, auch bei Krankheit. Das hat mich nun doch gleichermaßen frustriert wie interessiert. Es hat dann fast sechs Stunden gedauert, bis der erste Kommentar auftauchte, der Substanz hatte: „Wenn die Stelle verhärtet ist, zunächst Wärme zuführen und anschließend Dehnübungen machen, zunächst vorsichtig und dann steigern. Wenn keine Verhärtung vorliegt, könne sofort – langsam – gedehnt werden. Die Aussage mit dem Schmerz aushalten, ist in Kreisen der Homöopathie und Esoterik ebenso gebräuchlich wie perfide, denn so etwas sagt man dort auch Krebskranken, während man empfiehlt Aprikosenkerne zu kauen und informiertes Wasser zu trinken. Wenn das alles nicht hilft, schleppt man eben ein schlechtes Karma durch die Weltgeschichte und glaubt nicht genug an die krebsheilende Wirkung zerkauter Kerne aus der Familie der Rosengewächse. Solche Stimmen sollen also lebensberatende positive Energie zurückgeben. Danke sehr.

Angeboten wird bei diesen Coaches alles. Von Lebensberatung, um die innere Mitte wiederzufinden, bis Chakren durchfeudeln. Es geht um die sog. „Happy Coaches“. Denen und ihren meistens hochpreisige Luftnummern – die mitunter auch genau das Gegenteil von dem was sie versprechen bewirken können- hat der Psychologe und Wissenschaftsjournalist Colin Goldner einen Artikel gewidmet.

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Wie die Pilze sind sie im letzten Jahr aus dem Boden geschossen: sogenannte „Coaches“, genauer gesagt: „Happy Coaches“, „Soul Coaches“ oder auch „Spiritual Life Coaches“, die in Online-Angeboten sonder Zahl ihre zweifelhaften Dienste andienen.

Grundsätzlich, berufsspezifisch sind Coachings und Trainings ja nicht automatisch etwas Schlechtes und manchmal sogar notwendig. Ich erinnere mich da an eine Geschichte, man könnte sagen, ein Anekdötchen gar, das mir ein Bekannter erzählte. Dieser Bekannte hat sich, mit zwei weiteren Bekannten vor gut 20 Jahren selbstständig gemacht und hier im Ort, bzw. einem Dorf, das zu meiner Heimatstadt gehört, Teamsport angeboten. Es gab einen Klettergarten, Bogenschießen, Kanufahren etc. Eines der Angebote war eine Betreuung bzw. Kursangebote für Kinder, die unter ADHS leiden und ab und an kamen Gruppen von Teamleitern, Managern oder sonstigen Vorgesetzten aus diversen Unternehmen, um Gemeinschaftssport zu machen.

Eines Tages hatte er eine etwa 10-köpfige Gruppe aus der mittleren Management-Ebene eines bekannten deutschen, international agierenden Unternehmen. Der Bekannte erzählte mir, dass er die Sache am Liebsten bereits nach 15 Minuten hingeschmissen hätte, weil er bis dato noch nie eine Gruppe hat, die in ihrer Gesamtheit derartig lustlos, bei gleichzeitig hohem Arroganzlevel auftrat. Irgendwann war er des Redens müde und ging zum sportlich-aktiven Teil über. Die Leute wurden vor einen Graben gestellt, bekamen jeder ein Stück Seil in die Hand und sollten damit den Graben überwinden und auf die anderen Seite gelangen. Die gesamte Gruppe hat 15-20 Minuten getan und gemacht, bis sie schließlich die Lust verloren und sich ernsthafter Frust breitmachte.

Mein Bekannter hat das Ganze dann endgültig abgebrochen und dieser Gruppe von Managern dann gesagt, dass er in seinen gesamten sechs Jahren, in denen er diesen Job nun macht, noch nie so wenig Lust hatte, den Kurs bis zum Ende durchzuziehen und auch noch nie so wenig Feedback bekommen hätte. Ganz am Ende seiner Ansprache verriet er noch die Lösung des Rätsels mit dem Graben und den Seilen: diese Aufgabe kann nur gemeinschaftlich gelöst werden, indem das gesamte Team eine simple Seilbrücke baut und jeder einzelne seinen Teil dazu beisteuert. Selbst die Kinder, bei denen ADHS sehr ausgeprägt, die mindestens ebenso egoistisch veranlagt waren und ein entsprechend hohes Aggressionslevel mitbrachten, haben irgendwann das System erkannt und gemeinsam diese Brücke gebaut und gleichzeitig ihre Wutmomente zurückgefahren.

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