Juden sind hier nicht erwünscht […]

Edit: nach mutmaßlicher Änderung der Sachlage, muss man diesem Text an anderer Stelle etwas hinzufügen.

[…] im Westin Hotel Leipzig. Zumindest nicht, wenn sie ihr Jüdischsein offen zeigen. Diese Erfahrung musste Gil Ofarim vorgestern im genannten Hotel machen.

Seiner Aussage zufolge, wartete er in einer Schlange, um im Hotel einzuchecken. Immer wieder wurden Menschen hinter ihm vorgezogen. Dies geschah, „um die Schlange zu entzerren„, so die Aussage des Hotelmitarbeiters Herrn W. gegenüber dem Sänger. Anschließend rief „jemand aus der Ecke„, Ofarim solle seinen Davidstern einpacken. Der erwähnte Herr W. wiederholte die Aufforderung, die nun offenbar zur Bedingung wurde, um überhaupt einchecken zu dürfen.

Diesen Vorfall schilderte der sichtlich aufgelöste und den Tränen nahe Gil Ofarim in einem Instagram-Video, das er vor dem Westin-Hotel aufzeichnete und online stellte. Zurecht zeigte sich der Sänger ebenfalls schockiert darüber, dass niemand, der anwesenden anderen Gäste und des Personals, Anstalten machte einzugreifen. Ein weiterer trauriger Höhepunkt antisemitischer Vorfälle in Deutschland. In Deutschland im Jahre 2021.

Einmal bekannt geworden, erlebte das Hotel auf seiner Facebook-Seite einen veritablen Shitstorm. Es versteht sich von selbst, dass Drohungen und Rachephantasien, das Hotel solle idealerweise dem Erdboden gleichgemacht werden, nicht zu den Dingen zählen, die ich als angemessen ansehe. Die entsprechenden anderen Reaktionen allerdings, hat sich dieses Hotel sehr wohl verdient.

Die Reaktion des Hotelmanagements allerdings ist wesentlich dünner ausgefallen. Erst nach ein paar Stunden fühlte man sich bemüht, in den sozialen Netzwerken diese Meldung abzusetzen:

Wir sind besorgt über diesen Bericht und nehmen die Angelegenheit sehr ernst. Wir versuchen mit allen Mitteln, mit Herrn Ofarim in Kontakt zu treten, während wir dringend nachforschen, was passiert ist. 
Unser Ziel ist es, alle Gäste und Mitarbeiter zu integrieren, zu respektieren und zu unterstützen, unabhängig davon, welcher Religion sie angehören.

Hier wird deutlich, dass man nicht einmal im Ansatz begriffen zu haben scheint, worum es eigentlich geht. „Mit allen Mitteln mit Herrn Ofarim in Kontakt zu treten“ erschöpfte sich in einer Mail an sein Management, in der man Gesprächsbedarf anmeldete. Desweiteren ist es nicht die Aufgabe eines Hotels, Gäste zu integrieren. Zudem ist Gil Ofarim Deutscher. Gäste sollen bedient werden. Möglichst gut und alle gleich entgegenkommend. Hinzu kommt, dass das Judentum eben doch mehr als „nur“ eine Religion darstellt. Vor allem in Deutschland und Österreich.

Für das Verhalten der beiden Mitarbeiter gibt es keine Entschuldigung. Es geht diese beiden Spezialisten schlichtweg nichts an, was ein Gast zeigt oder trägt. Sollten sich Gäste daran stören, dann haben diese das Hotel zu verlassen. Solche Menschen können gerne draussen schlafen. Idealerweise in einer Industriebrache.

Das Hotel reagierte zumindest soweit, als dass es die beiden Mitarbeiter zunächst beurlaubte. Der Hauptbeschuldigte Herr W. hat nun Strafanzeige wegen Verleumdung erstattet. Nach seiner Sicht hat sich das Ganze anders zugetragen. Den Satz mit dem Davidstern allerdings, hat er nicht ausdrücklich bestritten. Daher ist es für die gesamten Umstände eigentlich egal, was dem vorausgegangen sein könnte. Es bleibt, dass ein Jude im Jahre 2021 in Deutschland dazu genötigt wird, sein Jüdischsein zu verstecken.

Das ist jedoch nicht der einzige Vorfall im Westin Hotel, Leipzig. So berichtet die Internetplattform queer.de, dass der Schweizer Musikmanager Piero Vecchioli, bereits im Juni 2020 Opfer einer homophoben Beleidigung wurde. In einem Artikel auf queer lesen wir:

Der homophobe Vorfall soll sich am 4. Juni 2020 ereignet haben. Vecchioli, der u.a. Patricia Kelly und Daniele Negro vertritt, habe sich damals im „Westin“ über sein Zimmer beschwert. So habe er fremde Haare auf dem Bett gefunden, außerdem sei der Abfluss im Bad verstopft gewesen. 

Der Hotelmanager sei schließlich persönlich gekommen und habe „an die Türe gepoltert“, so der Musikmanager in einer schriftlichen Stellungnahme. „Als ich öffnete, schaute er mich von oben bis unten an und sagte: ‚Wegen dir, du Drecks-Schwuchtel bin ich jetzt hier raufgekommen?'“ Der gebürtige Schweizer solle „so schnell wie möglich in das Scheiß-Land zurück reisen“, wo er herkomme.

Nach einer Beschwerde beim Hauptsitz der Hotelkette erhielt Vecchioli anstelle der erhofften Entschuldigung ein Hausverbot. „Durch Ihr Verhalten am 4. Juni 2020 gegenüber unseren Mitarbeitern haben Sie den Hotelbetrieb nachhaltig gestört“, zitiert RTL aus einem Schreiben an Piero Vecchioli. „Das können wir nicht länger hinnehmen. Wir sehen uns deshalb gezwungen, Ihnen für unser Hotelgebäude […] unbeschränktes Hausverbot zu erteilen.“

Doch auch das sind nicht die einzigen beiden Auffälligkeiten, die es zum Westin Hotel in Leipzig gibt So findet man auf Twitter dieser Meldung

Zur Pro-GSL GmbH findet sich dann in einem Artikel auf Antifainfoblatt diese Passage:

Ein Blick auf die von Oliver Riedel und Tobias Brendel betriebene Sicherheitsfirma „PRO-GSL GmbH“ (PG) verdeutlicht dies. Riedel selbst unterhält Kontakte zur „Black Rainbow Security“ und war selbst schon dort beschäftigt. Dass MitarbeiterInnen der PG aus dem Umfeld der BRS rekrutiert werden, wirkt demnach schlüssig. So soll etwa Markus Kottke 2012 bei BRS gearbeitet haben und war spätestens ab 2017 auch für die PG tätig. Bilder der PG, die im Rahmen eines Auftrags auf dem Lindenauer Hafenfest 2017 entstanden, zeigen auch Frank F. als Beschäftigten der Firma. Kottke, als auch Frank F. sind Teil des „Imperium Fight Team“ um Benjamin Brinsa und befanden sich unter den festgesetzten Neonazis im Januar 2016 in Leipzig-Connewitz – gemeinsam mit Tobias Brendel, dem zweiten Geschäftsführer der PG. Brendel, Frank F. und der Neo­nazi-­Hooligan Riccardo Sturm waren schon im April 2015 Teil einer bedrohlich wirkenden Gruppe am Rande eines Aufmarsches von „LEGIDA“, während Oliver Riedel auf dem Aufmarsch als Ordner tätig war.

Man kann unter Garantie der gesamten Westin-Hotelkette oder gar Mariott-Hotels keine Schuld für diese gehäuften Vorkommnisse geben, aber bei dem Management des Standortes Leipzig, darf man schon fragen, mit welchen rechten Dingen es dort zugeht.

Gestern Abend fand, wie oben bereits zu erkennen, eine Soliaktion für Gil Ofarim vor dem Hotel statt. Es fanden sich, einigen Angaben zufolge 300, nach anderen Quellen etwa 500 Teilnehmende ein. Für sich genommen eine schöne Anzahl. Gesamt betrachtet definitiv zu wenige Menschen. Doch sollte man es nicht zu madig machen. Immerhin haben sich spontan Menschen gefunden, die ein Zeichen setzten.

Das wollte das Hotel anscheinend ebenfalls und so mussten sich die Mitarbeiter draussen vor den Hoteleingang stellen und ein Banner hochhalten, das den Westin-Schriftzug in der Mitte zeigte. Um das Logo hatte man Israel-Fahnen und gleich noch zwei Halbmonde geklatscht. Auch das zeigt, dass man sich beim Management des Hotels in Leipzig immer noch nicht mit der genauen Problematik auseinander gesetzt hat. Antisemitismus ist eben nicht bloß eine weitere Form des Rassismus. Zudem ist Gil Ofarim eben kein Israeli. Doch diesen Vorwurf muss man dann auch den Teilnehmenden des Shitstorms machen, die ebenfalls haufenweise Israelfahnen als Solidaritätsbekundung in ihre Beiträge packten. Vermutlich hat man bei der Hotelführung nicht weiter nachgedacht und das übernommen. Okay, nicht vermutlich, man hat nicht nachgedacht.

Als die Nachrichtenplattformen die Meldung aufgriffen, kam es in den Kommentaren ebenfalls zu Solidaritätsbekundungen und Ablehnung der Vorgehensweise des Hotelmitarbeiters und der Geschäftsführung. Doch selbstverständlich gab es auch andere Stimmen. Von den Setzern des internationalen Deppenindikators, über Relatvierung und „glaube ich nicht“, bis hin zum Vorwurf einer PR-Aktion fand sich alles, was die deutsche Gesellschaft an Verharmlosung und Widerlichkeit zu bieten hat.

Fest steht allerdings, dass ein Hotelmitarbeiter einen Juden aufgefordert hat, seinen Davidstern wegzupacken, keiner der Umstehenden eingriff und, dass der Arbeitgeber auf allen Ebenen unprofessionell gearbeitet hat. Man hat zunächst versucht es auszusitzen, Antisemitismus totzuschweigen.

Dass der Umgang mit Antisemitismus auch anders geht, zeigt Union Berlin. Der Verein reagierte nach den antisemitischen Übergriffen durch einige Union-Fans, die sich bei der Begegnung gegen Maccabi Haifa ereigneten umgehend und entschuldigte sich. Inzwischen wurde einer der Täter ermittelt und der Verein reagierte so, wie es selbstverständlich sein sollte. Eigentlich traurig, dass man das noch betonen und lobend hervorheben muss.

Wir haben daher alle uns zur Verfügung stehenden Maßnahmen eingeleitet, um diese Person aus unseren Reihen zu entfernen. Alle uns vorliegenden Informationen haben wir darüber hinaus an das ermittelnde Landeskriminalamt übermittelt“, wird Union-Präsident Dirk Zingler in der Mitteilung zitiert.Der identifizierte Täter erhält zudem ein unbefristetes Hausverbot sowie ein Zutrittsverbot zu allen Veranstaltungen des Vereins. Union beantragt beim Deutschen Fußball Bund zudem ein bundesweites Stadionverbot.

Nun ist der DFB gefragt, schnell und unmissverständlich zu reagieren und ein bundesweites, unbefristetes Stadionverbot auszusprechen.

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3 Antworten zu Juden sind hier nicht erwünscht […]

  1. Pingback: Kontraproduktiv, | Metaminimum

  2. Schlomo Goldbaum schreibt:

    Toller Artikel! Danke für diese klasse Aufarbeitung. Antisemitismus ist eine glühende Gefahr, die jeder Zeit wie Feuer um sich greifen könnte. Es braucht nur die richtigen Verschwörungserzählungen, die von irgendwelchen Hetzer*innen in den Umlauf gebracht werden, und das Feindbild wird bedient, bis in die Mitte der eigentlich unpolitischen Gesellschaft.

    Ich selbst habe Antisemitismus schon überall erlebt. Im Bekanntenkreis, Freundeskreis, der Nachbarschaft, auf der Straße, in Behörden und Geschäften und sogar bei der Polizei.

    Es ist unerträglich.

    Schalom!

    • Danke für das Lob.

      Es ist jedes Mal erschreckend. Auch, dass niemand oder – wie im Fall von Union Berlin – nur wenige eingreifen, klar Position beziehen und den Aggressoren eine klare Ansage machen. Dazu kommt, dass wenn jemand solche Sachen öffentlich macht, das Ganze erst einmal angezweifelt, relativiert wird oder sich Menschen durch solche Meldungen geradezu belästigt fühlen.

      Es ist in der Tat unerträglich.

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